Was wir tun sollten, damit sich Kinder gut entwickeln

Von Aufmerksamkeit, Achtung und der richtigen Umgebung

Foto: StefanieB./fotolia.de

Wer mit Kindern lebt bzw. arbeitet, unabhängig davon, ob es nun die eigenen oder einem beruflich anvertraute Kinder sind, ist auf ganz unter schiedliche Weise von ihnen berührt. Auf der einen Seite stecken Kinder voll Fantasie und Kreativität, sind neugierig und spontan, lebendig und mit großem Engagement bemüht, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Auf der anderen Seite sind sie aufgrund von Erlebnissen und Erfahrungen, die ihr „Kindsein“ erschweren, manchmal auch voll Traurigkeit. Trennungserlebnisse, Ohnmachtsgefühle und die Erfahrung, manchen Situationen hilflos ausgeliefert zu sein, drücken unweigerlich ihren Stempel in die Kinderseele und tragen dazu bei, dass Kinder tief verletzt sind oder resigniert die Augen vor der Zukunft verschließen. Kindsein kann schön sein, Kindsein kann auch schwer sein.

Kein Kind ist von sich aus böse, vielmehr sind es eigene Gewalterfahrungen, die manche Kinder dazu bringen, andere zu verletzen, getreu dem Motto „Geteiltes Leid ist halbes Leid“. Kein Kind ist von sich aus aggressiv, vielmehr sind es Erlebnisse, die Kinder über- beziehungsweise unterfordern. Kein Kind ist von sich aus ängstlich, vielmehr gibt es zurückliegende Eindrücke, die nun in der Angst ihren Ausdruck finden. Kinder wollen selbst werden, ihre eigene und die um sie herum existente Welt erschließen. Sie möchten sich aus der Welt der Abhängigkeiten in eine Dimension der Unabhängigkeit bringen. Sie sind auf der Suche nach Welterfahrung und wünschen nichts sehnlicher, als sich selbst zu konstruieren. Dazu brauchen sie ein Umfeld, das ihnen hilft und es ihnen ermöglicht, diese elementaren Erfahrungen machen zu können. Dabei spielt der Kindergarten – der Garten für Kinder – eine ganz besondere Rolle im Entwicklungsprozess der ersten sieben Lebensjahre. Neben der familialen Pädagogik prägen diese Einrichtungen die Kinder durch Methodik/Didaktik, besondere Merkmale der ErzieherInnen, die Raumgestaltung (Innen- und Außenräume), die erlebte Umgangs- und Kommunikationskultur sowie durch ihre gesamte Atmosphäre. Das Kind erlebt sich hier täglich in ungezählten Situationen als Subjekt oder Objekt, erfährt Wertschätzung oder Geringschätzung, Freude oder Trauer, Glück oder Unglück, Respekt oder Respektlosigkeit, Annahme oder Ablehnung, Entwicklungsanregungen von wirklicher Bedeutung oder Entwicklungsblockaden aufgrund langweiliger Tagesabläufe und Gestaltungsschablonen. In den letzten Jahrzehnten der Kindergartenpädagogik sind viele Forderungen an ihre Gestaltung formuliert worden. Sei es durch das „Berufsbild der ErzieherIn“, die wegweisenden Aussagen im „Kinder- und Jugendhilfegesetz“, in der UN-Charta „Rechte des Kindes“, in einigen (nicht allen!) fortschrittlichen „Kindertagesstättengesetzen der Bundesländer“ oder in den unterschiedlichen Qualitätsoffensiven, die alle das Wohl des Kindes in schöne Worte gekleidet haben. Doch wie so häufig besteht ein großer Unterschied zwischen Theorie und Praxis: Einige Kindergartenkonzeptionen lesen sich wie Auszüge aus der Beschreibung des Gartens Eden – und sind doch nur inhaltsleere Worthülsen. Manche Konzepte versprechen Qualität - und richten sich doch nur an den Wünschen der Eltern aus. Pädagogik lebt von den Personen, die sich um die Entwicklung der Kinder kümmern. Sie sind letztlich diejenigen, die der Einrichtung und damit auch den Kindern ihren unverwechselbaren Stempel aufdrücken. Darüber und in Kenntnis der Grundbedürfnisse, die Kinder für ihr seelisches Wachstum haben, sowie aufgrund der Erfahrung, wie bedeutsam die elementarpädagogische Arbeit für Kinder ist, habe ich immer wieder versucht, in den verschiedenen Fachbeiträgen das Bewusstsein von ErzieherInnen für kindliche Entwicklungsvorgänge zu schärfen und gleichzeitig daran mitzuarbeiten, dass Kindergartenpädagogik fortwährend professioneller wird.

Was wir dazu beitragen können, damit Kinder sich angenommen und verstanden fühlen

Jedes Kind möchte beachtet, anerkannt und geliebt werden. Eltern und ErzieherInnen haben tagtäglich die Möglichkeit, ihren Kindern auf irgendeine Weise die Aufmerksamkeit und Achtung entgegenzubringen, die diese brauchen, um ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln. Immer mehr Kinder und Jugendliche fallen in ihrem Verhalten „aus der Rolle“, sei es durch plötzliche Wutanfälle, aggressive Unmutsäußerungen, tiefe Resignation oder lautes Schreien. Desgleichen nässen Kinder plötzlich wieder ein, obwohl sie schon trocken waren. Andere Kinder zeigen Sprachauffälligkeiten, ohne dass eine körperliche Ursache fest zustellen ist, oder verhalten sich planlos und hektisch, obgleich ärztliche Untersuchungen keinen Befund erbringen. Aber auch Kinder, die starken Stimmungsschwankungen ausgeliefert sind, geben ihren Eltern, Geschwistern, ErzieherInnen und Lehrerinnen Rätsel auf.

Auffällig ist, dass es bei all diesen Kindern und Jugendlichen häufig etwas Gemeinsames gibt: bestimmte Erlebnisse und Erfahrungen, die dazu geführt haben, dass sie sich in ihrer Persönlichkeit nicht angenommen fühl(t)en oder Geringschätzung erfahren mussten.

Was Kinder heute brauchen

Viele Kinder und Jugendliche erleben heutzutage, dass ihr Tagesablauf, ja selbst ihre Zukunft bezüglich Schule und Beruf schon „programmiert“ und ihre Freizeit mit Kursen oder Trainingsstunden verplant ist. Nicht selten werden Kinder damit in ihrem Kindsein beschnitten. Was Kinder und Jugendliche heute brauchen, ist einerseits ein Gefühl von Sicherheit, andererseits aber auch die Möglichkeit, selbst Erfahrungen zu sammeln und in erster Linie freie, unverplante Zeit zu erleben. Sicherheit erfahren Kinder und Jugendliche, indem sie spüren, dass sie etwas können, stolz auf sich sein dürfen und dass vor allem Erwachsene zu ihnen halten, auch wenn mal etwas danebengeht. Sicherheit ist von he rausragender Bedeutung für das eigene Selbstwertgefühl, welches wiederum der Motor dafür ist, sich mit der eigenen Person und mit anderen Menschen konstruktiv auseinanderzusetzen.

Eigene Erfahrungen ermöglichen es, aktiv zu lernen, eigene Gedanken zu entwickeln und Neues auszuprobieren, ohne die Verantwortung für ein Gelingen beziehungsweise Misslingen auf andere abzuschieben. Die Sorge vieler Erwachsener, dass Kinder bestimmte Aufgaben noch nicht bewältigen könn(t)en, führt zu einem überbehütenden, überfürsorglichen Verhalten. Die Folge ist häufig, dass Kinder die Lust verlieren, sich und ihr Können auf die Probe zu stellen, wertvolle eigene Erfahrungen zu sammeln und selbstständig zu handeln.

Um aber überhaupt Sicherheit zu erlangen und eigene Erfahrungen sammeln zu können, brauchen Kinder auch und vor allem Zeit. Sie ist notwendig, um im individuellen Rhythmus – mal langsamer, mal schneller – Vorhaben zu meistern, ohne gehetzt oder ermahnt zu werden. Dadurch wird es beispielsweise erst möglich, dass ein Kind seinen Wunsch, einen hohen Baum zu erklettern, ohne Druck in die Realität umsetzen kann. Auch kann es auf diese Weise seine persönlichen Vorstellungen von gut und böse, richtig und falsch in der Praxis erproben. Mit dem Gefühl von Sicherheit, der Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln und ausreichend Zeit zu haben, um den Alltag zu erleben, spüren die Kinder und Jugendlichen, dass es für sie einen Platz auf dieser Welt gibt.

Kindern mit Respekt begegnen

Ist es nicht gerade das, was wir den Kindern wünschen: einen Platz auf dieser Welt zu finden, sich wertvoll zu fühlen und glücklich zu sein?

Wer Kinder fragt, was ihnen an Erwachsenen gefällt und sie glücklich macht, kann aus ihren Antworten heraushören, wie sensibel Kinder ihr Umfeld wahrnehmen und beurteilen. Sie würden unter anderem sagen: „Erwachsene hören mir zu. Sie spielen und lachen mit mir, und dann ist es auch gar nicht so schlimm, wenn sie mal schimpfen. Erwachsene nehmen mich ernst und machen sich nicht über meine Sorgen lächerlich, nur weil sie meinen, sie hätten mehr Erfahrung. Sie halten auch zu mir, wenn mal etwas danebengeht oder ich mit einer schlechten Note nach Hause komme. Ihnen kann ich alles erzählen, und sie behalten es für sich. Meine Eltern sind zwar nicht gerade glücklich, wenn ich völlig verschmutzt vom Spielen komme, können aber nachempfinden, dass es mir Spaß gemacht hat, im Matsch zu graben. Sie zwingen mir kein Essen auf, sondern können damit leben, dass ich später oder weniger frühstücke. Sie lassen mich mitbestimmen und haben keinen Befehlston.“

Wer Kindern mit Respekt begegnet und ihre Einmaligkeit begreift, sieht sie als das, was sie sind: Schätze dieser Welt! Kinder möchten verstanden und angenommen werden – so einzigartig und individuell, wie sie sind!

Ich bin einmalig!

Kinder wollen Neues ausprobieren, das eigene Können auf die Probe stellen und damit Sicherheit erlangen. Erwachsene müssen ihnen ihre Wertschätzung entgegenbringen. „Wertschätzung“ bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als den einmaligen Wert eines Kindes beziehungsweise Jugendlichen zu schätzen.

Kinder müssen zunächst die Möglichkeit haben, ihre Einmaligkeit zu spüren. Bedenkt man dies genauer, darf man sicher einmal kritisch fragen, ob denn ein zwei- oder dreijähriges Kind wirklich schon in Spielgruppen von 15 oder mehr Kindern soziale Erfahrungen sammeln muss, anstatt genügend Zeit und Ruhe zu haben, erst einmal sich selbst und sein näheres Umfeld intensiv kennenzulernen. Der Anspruch der Erwachsenen, Kinder möglichst früh „sozial zu machen“, überfordert Kinder häufig.

Wertschätzung bringen wir Kindern dann entgegen, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben, sich individuell zu entfalten, und zwar in einer Atmosphäre, in der sie sich aufgehoben und geborgen fühlen und sie eine feste Ansprechpartnerin beziehungsweise einen festen Ansprechpartner finden, wenn sie ihn brauchen und nicht erst, wenn irgendjemand Zeit für sie hat. Kinder erfahren Wertschätzung dadurch, dass Erwachsene mit ihnen gemeinsam nach Antworten suchen und nicht durch Besserwisserei ihre Macht unter Beweis stellen, dass sie nicht durch Ironie verletzt werden, sondern echte Anteilnahme ihr Leben begleitet, dass ihre individuellen Fähigkeiten und Schwächen erkannt werden und nicht ein ständiger Geschwister- oder Freundesvergleich ihre Einmaligkeit herabwürdigt.

Erwachsene zeigen Kindern ihre Wertschätzung auch dadurch, dass die Freude an der Entstehung eines Werks oder Vorhabens mehr zählt als die Makellosigkeit eines fertigen Produkts, dass sie sich auf das magische Denken von Kindern – etwa beim Vorlesen von Märchen – einlassen und nicht alles durch das Nadelöhr einer rationalen, verkopften Erwachsenenvernunft muss, dass sie in Stresssituationen dem ungestümen Bewegungsdrang der Kinder wohlwollende Beachtung schenken und sie eben nicht immer „still sitzen“ müssen. Sie akzeptieren die natürliche Wissbegier der Kinder und gehen offen und ohne auf schulische Leistungen zu schielen auf sie ein. Sie blocken neugierige Fragen nicht als unwichtig oder störend ab. Sie verstehen auffällige Verhaltens weisen von Kindern und Jugendlichen zuallererst als Hilferuf, anstatt diese Kinder vorschnell zu verurteilen. Bedürfnisse und Interessen verstehen

Dort, wo Erwachsene Kindern und Jugendlichen mit Respekt und Achtung als einer Form gelebter Wertschätzung begegnen, versteht es sich von selbst, dass dieses Merkmal einer guten Beziehung keine Methode darstellt, um bestimmte Ziele zu er reichen. Eine natürliche Wertschätzung zeigen diejenigen Erwachsenen, die Kinder einfach mögen, ungestüme oder ängstliche Verhaltensweisen verstehen, Zurückhaltung oder Lebendigkeit lieben und sich dabei an ihr eigenes Kindsein erinnern.

Wertschätzung verlangt von Eltern und ErzieherInnen Verständnis für die Bedürfnisse und Interessen ihrer Kinder, ein regelrechtes Eintauchen in die Kinderwelten und ein tiefes Begreifen der Bedeutung von Kinderwünschen. Dabei geht es nicht an erster Stelle darum, materielle Wünsche zu befriedigen, sondern vielmehr um Bedürfnisse zwischen menschlicher Beziehungen: den Kindern zuzuhören, ihre Äußerungen ernst zu nehmen und auch in Gesprächen „zwischen den Zeilen lesen“ zu können.

Kindern Wertschätzung entgegenzubringen sollte mit Freude und Selbstverständlichkeit zu unserer Umgangskultur gehören, genauso wie wir es für selbstverständlich halten, guten Freunden herzlich zu begegnen.

Wie du mir, so ich dir

Es ist allgemein bekannt, dass ein geringschätziger Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht selten dazu führt, dass diese ihre bitteren Erfahrungen an andere weitergeben nach dem Motto: „Wie du mir, so ich dir.“ Oder: „Wenn man mich schlecht behandelt, behandle ich andere bzw. mich selbst eben genauso schlecht!“ Richtig ist, dass es meist unbeabsichtigt und unüberlegt und sicher nicht mit böser Absicht geschieht, dass Erwachsene und Eltern geringschätzig mit Kindern umgehen. So kennen wir alle aus dem Alltag Situationen, in denen Eltern ein Kind vor an deren bloßstellen und damit seine Würde verletzen und seine Intimität zerstören. Wer sich einmal die Zeit nimmt zu zählen, wie oft wir Kinder kritisieren und wie oft wir sie loben, wird über das Unverhältnis erstaunt sein. Wertschätzung ist kein kurzes Entflammen einer „Goodwilltour“, sondern ein grundsätzliches Merkmal im gemeinsamen Leben und Lernen mit Kindern und Jugendlichen.

Die Welt der Kinder und Erwachsenen – diese eine Welt – wie sie sich uns heute mit ihrer Umweltzerstörung und Gewalttätigkeit, ihrer Überheblichkeit Schwächeren gegenüber und ihrem zunehmenden Desinteresse am Nächsten darstellt, würde sicher anders aussehen, wenn wir den Begriff der WERTschätzung stärker achten und umsetzen würden. Doch auch hier darf in der Konsequenz nicht auf globale Zusammenhänge hingewiesen und die Verantwortung abgegeben werden: WERTschätzung beginnt im Umgang mit uns selbst und im Leben mit unseren Kindern: jeden Tag und jede Stunde.

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Elementarpädagogik aktuell
Die Entwicklung des Kindes professionell begleiten
Armin Krenz
Burckhardthaus-Laetare
ISBN: 9783944548012
19,90
Mehr dazu auf www.burckhardthaus-laetare.de

Das Buch ist eine sorgsame Zusammenstellung unterschiedlicher Beiträge des Autors, um fachlich berechtigte Ansprüche an die Elementarpädagogik zu begründen, zu erläutern und anhand praktischer Beispiele auszuführen. Humanistisch geprägte Grundlagen und qualitative Arbeitsimpulse ergänzen sich dabei in einer ausgewogenen Form.



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